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unterirdische rüstungsprodukion in wort und bild

 
 

U-Verlagerung Schneider



Der erste Kontakt mit dieser kleinen Untertage-Verlagerung in Wuppertal verlief nicht so toft, wie wir uns das eigentlich vorgestellt hatten. Eines Nachts, es war so im Spätherbst des Jahres 2005, liefen wir über die verlassende Bahntrasse um der U-Verlagerung Schneider sozusagen von hinten vorstellig zu werden. Kein Zaun störte uns, nur ein kleiner Abhang musste überwindet werden. Kein Problem eigentlich sollte man meinen – wenn nur nicht sofort das Begrüßungskommando in Form zwei stattlicher Tölen vom Typ "Dobermann" unter lautem Gebell angerannt kämen. Also Rückzug und Plan B aktivieren. Plan B – die "hochoffizielle" Befahrung der U-Verlagerung Schneider in den darauffolgenden Tagen klappte auch nicht, da die Anwohner zwar nett und hilfsbereit waren, aber das Stollenmundloch auf deren Grundstück mittlerweile zugeschoben und somit unbefahrbar war. Abbruch und weg...

Ha, da fallen mir direkt zwei passende Zitate berühmter Persönlichkeiten ein:


"Hindernisse und Schwierigkeiten sind Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen."

(Friedrich Nietzsche)


"Hömma, der Stollen ist heute unfickbar - Abbruch und weg hier!"

(Olly Eismann)


"Sag niemals nie" ist nicht nur ein Titel von einem "inoffiziellen" James-Bond-Film, sondern auch Eines unserer Mottos. Und so haben wir dann viele Monde später doch noch die U-Verlagerung Schneider befahren und erkunden können. Eigentlich sollte hier nie ein Bericht über "Schneider" veröffentlicht werden, aber die "Konkurrenz" ist (war) nicht untätig und hat die U-Anlage auch gefunden und im Netz veröffentlicht. Ebenso unsere Freunde aus Solingen und dem nördlichen Ruhrgebiet interessierten sich für die U-Veragerung Schneider. Kein Problem, eine kleine Serie von Befahrungen fanden statt und alle waren glücklich. In kürzester Zeit tauchte die Untertage-Verlagerung auf mehreren Internet-Seiten auf. Naja, wir hängen halt manchmal ein bisschen hinterher, zumindest in diesem Fall, aber dafür gibbet jetzt den allerletzten Bericht im Netz über die Verlagerung mit dem Decknamen Schneider, denn mittlerweile sind die (restlichen) Eingänge komplett übererdet worden und die Stollenanlage wird wahrscheinlich nie wieder Befahrbar sein.


Ehemaliger Haupteingang in die U-Verlagerung Schneider in Wuppertal


Gesprengter Stollen im Sandsteingebirge


Zwei Monate nach dem Beschluss des Geilenberg-Programms (Mineralölsicherungsplan) werden bei einem Gipfelteffen in Berlin die baulichen Maßnahmen von Großanlagen besprochen. Der Leiter des Geilenbergstabs, Edmund Geilenberg, und der Generalbevollmächtigte Sektion Chemieanlagen, Carl Krauch, diskutieren über den Bau der großen Geilenberg-Anlagen wie zum Beispiel die Projekte Schwalbe, Dachs, usw. Aber auch die kleineren Projekte wie Ofen, Jakob, Iltis , sowie die diversen Kleinfirmen der Zuliefererindustrie sind Thema der Besprechung.

Die Wuppertaler Firma Wagner & Co wird Mitte August 1944 als "Wichtiger Rüstungsbetrieb" deklariert und mit ins Geilenberg-Programm integriert. Gelder werden beim Reich beantragt und  sofort genehmigt.



Im Reichsministerium für Rüstung und Kriegswirtschaft (RmfRuK), Rüstungsinspektion VI (Essen) wird die Anlage "Ausweichwerk Wagner 1" (AWW1) unter der Objektnummer 1118 aktenkundig.

Obwohl es sich um einen alten Eiskeller einer bekannten Wuppertaler Brauerei handelte, bekam die Untertage-Verlagerung den Decknamen Schneider und keinen Frauennamen. Der Schneider ist bekanntlich ein Fisch, aber das selbe Spielchen mit dem "falschen" Decknamen hatten wir auch schon bei der U-Verlagerung Trusche, ebenfalls in Wuppertal. Am 07.09.1944 war Baubeginn der U-Verlagerung "Schneider" in Wuppertal. Der Felsenkeller wurde zur unterirdischen Produktionsstätte umgebaut. Zunächst wurden die Stollen mit Schlacke angefüllt. Die Schlacke stammte aus der Henrichshütte in Hattingen – genauso wie zum Beispiel auch in den U-Verlagerungen Kauz, Meise und Sardelle. Die Sohle wurde nach dem Anfüllen verdichtet und mit einer Betonschicht versehen. Die Betonschicht, welche teilweise mehrere Meter über der eigentlichen Stollensohle lag, diente als waagerechte Arbeitsfläche. Auf den Beton wurden in der U-Verlagerung Gleise verlegt und die Kammern, Abtrennungen und Materialbunker aufgemauert. Das Gestänge hatte eine Spurweite von 60 Zentimetern – also Reichsformat. Danach wurden die Stromanschlüsse und die Beleuchtung installiert. Hauptverteiler und Stromquelle lagen bei dem Stammwerk Wagner, welche den Kraftstrom für ihr eigenes Ausweichwerk selber lieferten. Zum Schluss wurden alle Maschinen in der unterirdischen Fabrik aufgestellt. Da es sich hierbei um eine sehr kleine Untertageverlagerung handelte, wurde keinerlei Wetterhaltungseinrichtungen installiert. Auch die Stollenmundlöcher waren nicht Druck- und Gassicher ausgebaut. Sie bestanden lediglich aus zwei Stahltüren. Insgesamt gesehen war die komplette Anlage sehr provisorisch ausgestattet.

Die U-Verlagerung Schneider in Wuppertal besaß zwei Haupteingänge, einer davon mit Gleisanschluss, und einen Notausgang, welcher auch als Wetterschacht fungierte. Die eigentliche Produktionsstätte bestand aus zwei untertägigen Hallen, welche mit einem Fahrstollen miteinander verbunden waren. Die bombensichere Überdeckung besteht aus leicht zerklüfteten Kalk- und Sandstein mit einer Mächtigkeit von 20 – 30 Metern. Das Einfallende des Deckgebirges wurde als standfeste Stollenfirste genutzt und nicht weiter nachbearbeitet. Lediglich die Beleuchtung und eine Stützmauer wurden eingebaut. Das Hangende im Stollen besteht größtenteils aus einer klastischen Kalksandsteinplatte, deren wellenförmige Struktur noch heute an einen Meeresboden erinnert.

Ansonsten war der Eiskeller sehr standfest und neigte nicht zu verstürzen. Okay, bedingt durch den Straßenverkehr und den Zugverkehr sind heute einige Kalkplatten von der Firste gestürzt, aber berücksichtigt man das Alter der Stollenanlage kann man die U-Verlagerung als relativ sicher bezeichen, vor allen in den Produktionskammern. Das herumliegende Haufwerk, welches hoffentlich auch auf den Fotos zu erkennen ist, stammt natürlich von der Firste, aber in erster Linie von untertägigen Sprengversuchen, welche die Anlage zum Einsturz bringen sollten. Diesmal waren es aber nicht die Alliierten, sondern die Deutschen selber, die versuchten die unterirdische Rüstungsfabrik nach dem Krieg in Vergessenheit zu sprengen.


Produktionshalle 2 in der Untertage-Verlagerung Schneider


In diesem unterirdischen Bunker fand der Stanz-Tanz statt...


Der Umbau wurde mit Hilfe von Häftlingen, etwa 50 Belgier, welche aus dem werkseigenen Häftlingslager stammten, durchgeführt. Es gab also keine Zwangsarbeiter im diesem Sinne. Das Barackenlager befand in dem Steinbruch direkt nebenan. Es gab keine Bewachung durch die SS oder so, keine nervtötenden Apelle, keine Misshandlungen. Den Insassen des Arbeitslagers Wagner ging es relativ gut. Die Baracken waren recht gut ausgestattet, die sanitären Anlagen und die Unterkünfte waren für die damalige Zeit recht okay. Es gab sogar einen winzigen Lohn für die belgischen Häftlinge. Die Produktionsfläche der untertägigen Fabrik war 520 qm.


Am 18.10.1944 war Produktionsbeginn in der Untertage-Verlagerung Schneider. Hergestellt wurden

(hitzebeständige) Asphaltbänder, Dichtungsringe, Isolierband, Gewebeband, Kabel und kleine druckresistente Präzisions-Rohrleitungen. Einige der Dichtungsringe fanden wir während unserer Befahrungen.


Produktionshalle 1 - nach der Sprengung


Inschrift in einem Sandstein an dem Stoß in dem Fahrstollen - EM 1944


Die Facharbeiter an den werkseigenen Maschinen kamen von der Firma Wagner. Den Transport und die Logistik übernahmen die Häftlinge. Das Ausweichwerk verfügte seit Baubeginn über einen eigenen Reichsbahnanschluss. Unter dem Fertigungskennzeichen "kpl" wurden ab Dezember 1944 die ersten Produkte an die Geilenberg-Anlagen Ofen, Sperber und Taube ausgeliefert. Ab Januar 1945 erfolgten auch Lieferungen an die Großprojekte Dachs und Schwalbe. Im März 1945 kommt das Geilenberg-Notprogramm "Schneider" in Wuppertal komplett zum erliegen. Die Gleisanlagen in Wuppertal-Langerfeld wurden durch Bombenangriffe komplett zerstört, somit wurde auch die Produktion in den Schneider-Stollen eingestellt, denn ohne Verkehrsanbindung ist auch die schönste U-Verlagerung nutzlos. Nach dem Krieg wurde, wie oben schon erwähnt, versucht den Stollen 1 zu sprengen, erfolglos, und die Stollenanlage wurde noch einige Zeit als Lager der Firma Wagner genutzt. Eine Vielzahl der Fundsücke stammt also aus der Nachkriegszeit. Heute (2017) sind die Eingänge der U-Verlagerung Schneider leider durch Baumaßnahmen verschüttet und beseitigt worden. Ein neuer "wichtiger" Garagenpark für Autofahrer ist geschaffen worden, mit Überwachung durch Kameras, damit keiner die ach so wichtigen Autos beschädigen kann. Und somit ist wiedermal ein kleines Stück Geschichte der Stadt Wuppertal für immer verloren gegangen...


Reste der Lichtinstallation unter der Firste in der U-Verlagerung Schneider


Reste der unterirdischen Rüstungsproduktion in Wuppertal


Lichtspiele unter Tage


© ursprünlich untertage-übertage, 2013 – jetzt u-verlagerungen.de, überarbeitet 2017, online 2018

Fotos: Bergmann, Eismann, Svenska Minehunters

Bericht: wie immer ich!

Getränke: übertage: ausnahmsweise mal Brinkhoffs Pils aus Dortmund, untertage: Fiege Bernstein

Danke: Bastel, Bergmann, Damica, Dr.Klöbner, Schlufine (der Eingang kotzt Gerümpel) und die zwei Brüder aus Solingen...